Clin Res Cardiol 96: Suppl 1 (2007)

V60 - Klappenersatz bei über 80-Jährigen mit myokardial kompensierter/chronisch dekompensierter Aortenklappenstenose
 
C. Piper1, D. Hering1, G. Kleikamp2, R. Körfer2, D. Horstkotte1
 
1Kardiologische Klinik, Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen; 2Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie, Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen;
 
Vorstellung: Bei betagten Patienten (> 80 Jahre) mit symptomatischer Aortenklappenstenose (AS) wird die Indikation zum Klappenersatz (AKE) wegen eines vermeintlich geringen prognostischen Nutzens bei erwartet hoher perioperativer Morbidität und Mortalität häufig nicht zeitgerecht gestellt. Die drastisch reduzierte Prognose und Lebensqualität nach myokardialer Dekompensation zwingt dann zur erneuten Nutzen-Risiko-Abwägung bezüglich eines AKE. 
Methoden: Zwischen 2003 und 2006 erfassten wir prospektiv alle uns zugewiesenen, symptomatischen Patienten mit hochgradiger (Klappenöffnungsfläche < 0,5 cm²/m², mittlere Klappenöffnungsfläche 0,38±0,22 cm²/m²) isolierter AS. Von den 83 Patienten (51 Frauen, mittleres Alter 83,8±5,1 Jahre) waren 38 (26 Frauen, mittleres Alter 83,7±6,2 Jahre) chronisch myokardial dekompensiert (LV-Dilatation plus reduzierte linksventrikuläre Pumpfunktion, EF 43±18 (25-53)%) (Gruppe A). Die übrigen Patienten (Gruppe B) wiesen keine linksventrikuläre Dilatation und normale linksventrikuläre Ejektionsfraktionen (EF >= 55%) sowie anamnestisch keine Hinweise auf eine vorausgegangene myokardiale Dekompensation auf. Alle Patienten wurden zum Aortenklappenersatz (plus simultaner koronarer Revaskularisation in 27,7%) akzeptiert. 
Ergebnisse: In Gruppe A betrug die 30-Tages-Mortalität 5,3% (n=2) und die Inzidenz schwerwiegender postoperativer Komplikationen (akutes Nierenversagen, zerebrale Insulte, Notwendigkeit der mechanischen Kreislaufunterstützung) 23,7% (n=9). Während der weiteren Nachbeobachtung (24,2±12,8 Monate) verstarben weitere 4 Patienten (11,1%). Die kumulative Überlebensrate nach 24 Monaten betrug 78% und nach 36 Monaten 63%. Die 30-Tages-Sterblichkeit in Gruppe B betrug 2,2% (n=1), die Inzidenz schwerwiegender postoperativer Komplikationen 8,9% (n=4), die kumulativen Überlebensraten nach 24 Monaten 87% und nach 36 Monaten 81%. Der Anteil bei uns vorgestellter betagter Patienten mit symptomatischer Aortenklappenstenose und myokardialer Dekompensation ist hoch (45,8%). Die perioperative Mortalität dieser Patienten ist angesichts des bekannt desolaten natürlichen Verlaufs akzeptabel niedrig, allerdings mehr als doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Patienten mit zeitgerechter Operation. Die perioperative Morbidität ist bei nicht zeitgerechtem AKE signifikant erhöht (23,7 vs. 8,9%, p=0,03), die Überlebenswahrscheinlichkeit im spätpostoperativen Verlauf deutlich reduziert (p=0,008).
Schlussfolgerungen: Die Indikation zum Aortenklappenersatz sollte zwar die Komorbidität berücksichtigen, ansonsten aber unabhängig vom Lebensalter der Patienten gestellt werden.
 

http://www.abstractserver.de/dgk2007/ft/abstracts/V60.htm