Clin Res Cardiol 101, Suppl 1, April 2012

P700 - Diuretika bei herzinsuffizienten Patienten im klinischen Alltag:
Dosisänderungen und insbesondere Substanzwechsel sind mit einer verschlechterten Prognose assoziiert
 
H. Wienbergen1, M. Hochadel2, R. Osteresch1, M. Böhm3, T. Neumann4, M. Pauschinger5, W. von Scheidt6, C. Zugck7, J. Senges2, R. Hambrecht1 für die Studiengruppe EVITA-HF
 
1Klinik für Kardiologie und Angiologie, Klinikum Links der Weser gGmbH, Bremen; 2Institut für Herzinfarktforschung Ludwigshafen an der Universität Heidelberg, Ludwigshafen; 3Innere Medizin III, Kardiologie, Angiologie, intern. Intensivmedizin, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar; 4Klinik für Kardiologie, Universitätsklinikum Essen, Essen; 5Med. Klinik 8, Schwerpunkt Kardiologie, Klinikum Nürnberg Süd, Nürnberg; 6I. Medizinische Klinik, Klinikum Augsburg, Augsburg; 7Innere Med. III, Kardiologie, Angiologie u. Pneumologie, Universitätsklinikum Heidelberg, Heidelberg;
 
Hintergrund: Die Therapie mit Schleifendiuretika und Thiaziden bei chronischer Herzinsuffizienz gehört zum klinischen Alltag. Es gibt aber nur wenige aktuelle wissenschaftliche Daten zu Häufigkeit, Dosierung, Substanz und Prognose der Diuretika-Therapie einer Herzinsuffizienz (HF).
Methodik: Das EVITA-HF Register ist ein konsekutives multizentrisches Register von Patienten mit chronischer HF und linksventrikulärer EF < 40%. Von 01/2009 bis 04/2010 wurden 976 Patienten mit kompletten Daten über Dosierung und Substanz der Diuretika eingeschlossen. Änderungen von Dosierung oder Substanz zwischen Vormedikation bei Aufnahme und Entlassungsmedikation wurden analysiert. Es wurde ein Follow-up nach 1 Jahr durchgeführt.
Ergebnisse: Der Großteil aller HF-Patienten (83%) wurde mit einem Diuretikum behandelt, die dabei am häufigsten eingesetzten Substanzen waren die Schleifendiuretika Torasemid (71%) und Furosemid (12%) sowie die Thiazide Hydrochlorothiazid (14%) und Xipamid (3%).
Bei 546 Patienten (56%) wurden die Dosis und Substanz im Verlauf nicht geändert. Bei 277 Patienten (28%) wurde die Dosis gesteigert oder es wurde neu ein Diuretikum begonnen, bei 72 Patienten (7%) wurde die Dosis reduziert oder das Diuretikum abgesetzt. Bei 81 Patienten (8%) wurde die Substanz gewechselt.
Die höchsten nt-proBNP-Werte wurden bei Patienten mit Substanzwechsel gemessen (Median 5823 pg/ml vs. 3751 pg/ml bei Dosissteigerung/neuem Diuretikum vs. 1648 pg/ml bei Dosisreduktion/Absetzen vs. 1264 pg/ml bei keiner Dosisänderung, p < 0,01).
Die höchsten Kreatinin-Werte wurden bei Patienten mit Substanzwechsel und Patienten mit Dosisreduktion/Absetzen gemessen (Median jeweils 1,3 mg/dl vs. 1,1 bei Dosissteigerung/neuem Diuretikum oder keiner Dosisänderung, p < 0,01).
Die Kaliumwerte zeigten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.
Im 1-Jahres-Verlauf hatten Patienten mit Substanzwechsel die schlechteste Prognose.
Auch eine Dosissteigerung/neues Diuretikum und Dosisreduktion/Absetzen waren mit einer erhöhten Langzeit-Mortalität assoziiert (Tab. 1).

 

Diuretika 

Rehospitalisierung
oder Tod 

MACCE* 

 Mortalität**

Keine Änderung  38,6%  9,8%  9,0%
Dosissteigerung/neu angesetzt  43,7%  13,0%  11,5%
Dosisreduktion/abgesetzt  37,5%  18,1%  16,7%
Substanzwechsel  52,0%  24,0%  22,7%
*MACCE - Major adverse cardiac and cerebral events (Tod, Myokardinfarkt, Apoplex)
** p < 0,05 für Dosisänderung/Substanzwechsel

Auch nach Adjustierung für Alter und Geschlecht war die 1-Jahres-Mortalität in der Gruppe der Patienten mit Substanzwechsel statistisch signifikant erhöht (HR 2,27, 95%CI 1,29-3,98).
Schlussfolgerung: Mehr als 3/4 aller HF-Patienten werden mit Diuretika, insbesondere Schleifendiuretika, behandelt.
Anders als bei anderen Herzinsuffizienzmedikamenten wie Betablockern ist eine Dosissteigerung bzw. der Neubeginn der Diuretika im klinischen Alltag nicht mit einer Prognoseverbesserung verbunden.
Eine Änderung der Diuretika-Dosierung und insbesondere ein Substanzwechsel zeigt vielmehr eine klinische Situation an, die mit einer schlechteren Prognose assoziiert ist.
 

Clin Res Cardiol 101, Suppl 1, April 2012
Zitierung mit Vortrags- oder Posternummer s.o.
DOI 10.1007/s00392-012-1100-6

http://www.abstractserver.de/dgk2012/ft/abstracts/P700.htm